Das Behindertenwohnheim in der Bergallee Gotha feierte Jubiläum

  • Wohnt seit 20 Jahren in der Bergallee: Ralf Heyder. Foto: privat Wohnt seit 20 Jahren in der Bergallee: Ralf Heyder. Foto: privat
In der Bergallee 6 in Gotha brannten am Sonntag, dem vierten Advent, mehr als vier Kerzen – 20 an der Zahl auf einem Jubiläumskuchen. Denn das Wohnheim des Bodelschwingh-Hofs Mechterstädt bietet seit dem Dezember 1990 Menschen mit geistiger und/oder körperlicher Behinderung ein Zuhause.
Gotha.Die Zimmertür ist angelehnt. Ralf Heyder sitzt in seinem Sessel. Im Fernseher tagt das Strafgericht von Barbara Salesch. Der Herr des Hauses entspannt sich vor der Flimmerkiste mit Scheitchen und Kaffee. Er bittet einzutreten: "Kaffee? Große Tasse? Kleine Tasse?"

Heyder schwingt sich aus der gemütlichen Sitzgelegenheit, räumt einen Stuhl frei, setzt sich und bittet den Besucher, in seinem Fernsehsessel Platz zu nehmen. "Er ist bequemer", findet der Mann und streicht mit der Hand über die Holzverkleidung der schrägen Decke. "Nicht, dass du dir an der Dachschräge wehtust."

Ralf Heyder wohnt seit 20 Jahren in dem großen Zimmer im Dachgeschoss der Bergallee 6. Die Geschichte des Wohnheims ist also auch seine Geschichte. Er gehört zu den ersten Bewohnern, die am 17. Dezember 1990 hier eingezogen sind. Und heute gehört er, wie man so sagt, praktisch zum Inventar. Bevor Ralf Heyder in die Bergallee gezogen war, wohnte er bei seinen Eltern in Sonneborn. Der geistig Behinderte kann weder lesen noch schreiben. Er weiß auch nicht, wie alt er ist. Aber er weiß sich zu helfen. Und so holt er bei der Altersnachfrage nach längerem Suchen seinen Schwerbeschädigtenausweis heraus: Geboren am 8. Dezember 1968.

Mit der Eröffnung des Wohnheimes gab der Bodelschwingh-Hof Mechterstädt Menschen mit Behinderungen in der Kreisstadt die Chance, nahe der Innenstadt ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu führen. Der Beginn einer Erfolgsgeschichte, wie nicht nur Petra Hartauer findet: "Vor allem bei jungen Leuten ist das Wohnheim beliebt." Die Geschäftsbereichsleiterin Wohnen des Bodelschwingh-Hofes Mechterstädt weiß, dass "vor allem die Zentrumsnähe sehr attraktiv" ist. Entsprechend schnell waren alle zwölf Einzelzimmer bezogen.

In den folgenden Jahren wurde kräftig investiert: Durch den Bau weiterer Gebäude auf dem Gelände und der grundlegenden Umgestaltung des Wohnbereiches können seit 2005 auch Rollstuhlfahrer in der Wohngruppe leben. Gemeinsam mit Ralf Heyder.

Der kann sich an die ersten Tage in seinem neuen Zuhause freilich nicht mehr erinnern. Nach kurzem Nachdenken sagt er dann aber, "dass die erste Zeit ohne Eltern so ging". Er musste sich erst einleben, gewöhnte sich aber relativ schnell an das Leben im Wohnheim und die neue Freiheit - die Nähe zur Gothaer Innenstadt.

Und genau darauf kommt es an. "Wir wollen unseren Bewohnern so viel Freiheit wie möglich und so viel Schutzraum wie nötig bieten", erklärt Petra Hartauer. Nicht nur in Gotha. In den Wohnheimen des Bodelschwingh-Hofes in Mechterstädt, Schnepfenthal, Tabarz, Waltershausen und der Kreisstadt leben derzeit insgesamt 197 Menschen mit geistiger und/oder körperlicher Behinderung. Weitere 22 Männer und Frauen werden ambulant versorgt.

Als Heyder 1990 eingezogen ist, hat Stefan Schreiber, der heutige Wohngruppen-Chef der Bergallee, gerade seinen Zivildienst in einer anderen Einrichtung für Behinderte geleistet. Eigentlich wollte Schreiber Informatik studieren. Aber durch den Zivildienst hat er bemerkt, dass ihm die Arbeit im sozialen Bereich liegt. Von 1992 bis 1995 machte er eine Ausbildung zum Erzieher und zum Diakon.

Seit 2000 leitet der 39-Jährige das Wohnheim, das für 24 geistig und körperlich behinderte Menschen ein wichtiger Ort ihres Lebens ist. Schreiber ist zufrieden: "Eine vielseitige Tätigkeit mit pädagogischen, pflegerischen und administrativen Aufgaben." Ebenso wichtig: Der Kontakt zu den Eltern, den Ärzten, den Therapeuten und in die Werkstatt. Alles muss Hand in Hand gehen. Und es klappt sehr gut.

Für Ralf Heyder bietet die Wohngruppe in der Bergallee auch deshalb eine optimale Wohnsituation. Der 42-Jährige arbeitet tagsüber in der Behindertenwerkstatt in der Rudloffstraße in Gotha. Die geschützte Werkstatt für Menschen mit Behinderung wird ebenfalls vom Bodelschwingh-Hof Mechterstädt betrieben.

Ob er sich vorstellen könnte in eine andere Einrichtung zu ziehen? "Ich gehe hier nicht weg. Ich bleibe hier", sagt Ralf Heyder bestimmt.


Jörg Rudolph / 21.12.10 / TA
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